CALL OUT ART – ARMENIA

Grusswort von Prof. Ulrich Reimkasten anlässlich der Ausstellungseröffnung „Call Out Art – Tapisserie from Halle an der Saale“ am 16. April 2012 im Hovhannes Sharambeyan National Museum of Folk Art, Eriwan
Ein Projekt des Kunstvereins Talstrasse e. V.

Liebe Freunde des Teppichs,
Teppiche von Deutschland nach Armenien zu bringen, heißt eigentlich Eulen nach Athen tragen. Ist dieses großartige Land doch das Ursprungsland des Teppichs, das ganz besonders auch uns Europäer bis Heute mit seinen wunderbaren gewebten Bildern bezaubert. Und selbstverständlich habe ich Gestern ein wunderbares Stück auf dem Vernissage-Markt erstanden, das meine Sammlung bereichern wird. Dennoch: der Kunstverein Talstraße, Matthias Rataiczyk und Christin Müller-Wenzel haben es gewagt, Teppiche aus Halle an der Saale im Bundesland Sachsen-Anhalt nach Yerevan zu bringen, um hier eine Ausstellung klassisch- oder post-moderner Textilkunst zu zeigen. Dafür gibt es mehrere gute Gründe.

06_call out

v.l.: Dagmar Szabados (OB Halle/Saale), Prof. Ulrich Reimkasten (SEPIA-Institut), Cormalia Pieper (Staatsministerin
im Auswärtigen Amt), Hans-Jochen Schmidt ( Dtsch. Botschafter in Eriwan) Foto: flickr/ C.Pieper

Erstens: Mit der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und der Staatlichen Textil- und obelinmanufaktur verfügt Halle über zwei, in Deutschland nunmehr einmalige Institutionen, die sich bevorzugt den Textilen Künsten und insbesondere dem Bildteppich oder Gobelin verschrieben haben. Lehrende, Studierende und  der Burg Giebichenstein und die Mitarbeiter der Textilmanufaktur haben in den letzten 60 Jahren eine beachtliche Zahl, meist großformatiger, gewirkter und geknüpfter Teppiche, Applikationen, Webereien, Stickereien und andere textile Kunstwerke geschaffen. Der Gobelin hat dabei sicher die größte Bedeutung. Auch vor 1945 bzw. vor 1933 war die Burg Giebichenstein in Halle neben dem Bauhaus in Weimar – später in Dessau und in Berlin – ein wichtiger Ort der modernen Textilkunst. Und obwohl in Sachsen-Anhalt keine Textilindustrie existiert und Deutschland nicht „das“ Land mit einer herausragenden Tradition des Gobelins ist, können die Bildteppiche aus Halle Botschafter der Kultur-Region  sein, gerade weil sie etwas künstlerisch Spezifisches, Seltenes und Wertvolles sind, auf  ganz besonders auch die Bürger der Satdt Halle sehr stolz sind.
Zweitens: Sachsen-Anhalt besitzt mit den romanischen Bildteppichen in Halberstadt und Quedlinburg die ältesten und bedeutendsten europäischen Bildteppiche überhaupt. Frankreich, das Land der Gobelins, verfügt zwar über eine überwältigend große Anzahl herausragender gewirkter Bildwerke von der Gotik bis ins 20. Jahr, aber nicht über vergleichbar frühe Stücke wie die wunderbaren Beispiele in Halberstadt und Quedlinburg, die auch tatsächlich im heutigen Sachsen-Anhalt entstanden sind. Zwischen diesen frühen sächsischen Beispielen aus der Zeit der Romanik und den hier gezeigten Exponaten liegen lange bewegte Jahrhunderte europäischer und deutscher Geschichte, in deren Verlauf Gobelins in Deutschland von hugenottischen Flüchtlingen aus Frankreich gefertigt wurden und regionale Produktionszentren nicht mit belgischer oder französischer Qualität oder Quantität konkurrieren konnten, dennoch wurden von Hamburg bis Baden-Württemberg über Jahrhunderte Gobelins produziert.

Die stärksten Impulse für eine künstlerische Erneuerung der Textilen Künste in Deutschland kamen zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Bauhaus und der Burg Giebichenstein, die heute noch als Kunsthochschule existiert und mit dem Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg damals aktuelle französische Einflüsse verarbeitete, was – wie diese Ausstellung ebenfalls gut zeigt – zu unterschiedlichsten künstlerischen Lösungen führte. Die Bedeutung des französischen Impulses für die Entwicklung der Textilen Künste in Deutschland und insbesondere in Halle nach 1945 kann nicht genug geschätzt werden.

Seit der Wiedervereinigung ist die Produktion von Gobelins in der Saalestadt Halle zwar merklich zurückgegangen, dennoch entstehen in der Textilmanufaktur wie auch in künstlerischen Ateliers neue Werke, die
vor allem spüren lassen, wie ernsthaft an der Verbindung einer aktuellen Ästhetik und einer individuellen
formal-künstlerischen Sprache mit den Parametern der Gobelinwirkerei gearbeitet wird. Als Mitglied des
Aufsichtsrates der Textilmanufaktur, als Hochschullehrer und Leiter des Institutes für Textile Künste kann
ich Ihnen versichern, es wird eine weitere Entwicklung geben in Halle an der Saale.
Drittens: Teppiche aus Sachsen-Anhalt in Armenien zu zeigen ist auch möglich und sinnvoll, weil die Unterschiede zwischen beiden textilen Bild-Typen derart entschieden sind. Sind die Teppiche Armeniens Teil einer Jahrtausende währenden kollektiven Tradition verbunden und Ausdruck lebendiger Volkskunst, die auf Überlieferung und Standards beruht, so sind die hier ausgestellten Stücke an eine akademische Tradition vor allem auch der Malerei gebunden, die seit der Moderne mit einem generellen Bestreben um Individualität und der Suche nach einem Stil des Bürgerlichen und aktuell der globalisierten Welt in national-regionalen Manifestationen bemüht scheint: Alle müssen es gut finden können; überall, weltweit. Aber man muss eben wissen, woher etwas kommt, wofür und für wen etwas steht. In diesem Sinne ermöglicht die Ausstellung einen unmittelbaren Kontakt zweier Teppichwelten – vielleicht mit Anstößen zu nächsten kleineren Schritten der Verständigung in einer menschlichen Kultur der Menschheit und in einer gemeinsamen friedlichen Welt. Die Richtung ist Zukunft, unseren Teppich sollten wir immer dabei haben auf diesem großen Pfad.

Meine Damen und Herren, liebe Kunstfreunde aus Armenien und Deutschland, liebe Künstlerkollegen, ich
danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche der Ausstellung viel Erfolg.
Prof. U. Reimkasten – Eriwan, 16. April 2012

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s