DER UNERLEDIGTE GOBELIN

DER UNERLEDIGTE GOBELIN

WERKSCHAU DER KLASSE MALEREI/ TEXTILE KÜNSTE VON PROF. ULRICH REIMKASTEN

13. Oktober 2016 bis 20. November 2017
Burg Galerie im Volkspark • Schleifweg 8a • 06114 Halle (Saale)

Täglich geöffnet von 14-19 Uhr. Eintritt frei. >>> BURG

Der Gobelin ist zentraler Bezugspunkt in unseren Bemühungen um die Einheit „Wand Bild Textil“. Der Begriff Gobelin steht synonym für den Bildteppich europäischer Prägung mit seinen Wurzeln in der hellenistischen Antike. Die technisch korrekte Bezeichnung ist Bildwirkerei. Ihre Entwicklung ist historisch eng verbunden mit den Entwicklungen in Architektur und Malerei. Für uns bildet der Gobelin die Schnittstelle zwischen beiden Gattungen. Die Exponate zeigen, dass diese Inhalte in einem breiten individuellen, künstlerischen und technischen Spektrum umgesetzt werden. Es umfasst Zeichnungen, Malereien, Gobelins, Jacquard- und Schaftgewebe, Bildteppichkartons, Materialexperimente, Stickereien, textile Objekte und Wandmalerei. Die Werkschau begleitet ein Rahmenprogramm aus Künstlergesprächen, Führungen, Lesungen.

Kuratoren: Prof. Ulrich Reimkasten (Professor für Malerei/Textile Künste, Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle) und Dr. Jule Reuter (Kuratorin, Burg Galerie im Volkspark) in Zusammenarbeit mit Bork Schaetz, Katharina Stark und Inka Schottdorf

Der unerledigte Gobelin

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Der unerledigte Gobelin“ 2016, 12.10.2016 von Ulrich Reimkasten, Halle/ Saale

Ja, es ist richtig, der Architekturbezug von Kunst ist ein Thema in der Klasse. Erfolgreiche Wettbewerbsbeteiligungen, viele umfangreiche Drittmittelprojekte und beste Ergebnisse belegen das. Eine ganze Reihe meiner Absolventen arbeitet in architektonischen und öffentlich-räumlichen Kontexten. Es wird auch gesagt, ich sei für Viele „der mit den Krankenhäusern.“ Stimmt. Seit 20 Jahren realisiere ich mit Studierenden und Absolventen Kunstprojekte im St. Elisabeth / St. Barbara, im Kreiskrankenhaus Merseburg, dem Diakoniewerk Halle usw. Es gab und gibt andere Partner: HCM in Berlin, IHK Dessau, Fraunhofer Institut Halle. Ich möchte auf diese Aktivitäten hinweisen, weil sie, obwohl sehr wichtig für uns, in der Ausstellung nicht dargestellt sind. Allerdings gibt es dazu drei Führungen im Rahmenprogramm.

Hier geht es um Textilien, auch um Malerei, den Gobelin, um Tapisserie, deren Bevorzugung im Spektrum Textiler Künste ebenfalls im gewünschten Architekturbezug gründet. Der Hang zur Architektur ist letztlich der Drang in die Öffentlichkeit. Und es geht letztlich immer um Öffentlichkeit, das hat mir schon Josep Renau beigebracht.

Im Flyer zu unserer Ausstellung können Sie lesen, dass die Tapisserie – klassisch, historisch, idealisch – eine Schnittstelle zwischen Architektur und Kunst ausfüllt. Also zeigen wir malerische Beispiele vom Tafelbild bis zum Teppichkarton und zur Wandmalerei, temporäre Wandmalerei für fünf Wochen Ausstellungsdauer. Die Malerei ist für manche Studierende Spielbein, für andere Standbein vom Dreibein. Malerische Untersuchungen und Erfahrungen sind Voraussetzung, um einen Gobelinkarton anzufertigen. Und eine solide Grundlage für Vieles, was sonst eventuell noch kommt – später. Technische Kenntnisse und handwerkliche Fähigkeiten der Wirkerei allein genügen nicht um einen Bildteppich herzustellen oder dessen Produktion zu steuern. Auch die siebenjährige Lehrzeit eines Webers der königlichen Gobelinmanufaktur Paris umfasste Unterricht im Zeichnen, in Farblehre, in Ornamentik und in Kunstgeschichte. Hier vergleicht sich eine universitäre Einrichtung mit einer Handwerkslehre vergangener Epochen. Praktische Erfahrungen in ästhetischen Fragen zu formulieren, wäre heute angemessenes Resultat dieses Vergleiches an einer Kunsthochschule.

Die Einordnung in den Reigen des „Textilen Herbst 2016“ erlaubt weitere Vergleiche. Vergleiche mit Werken Jean Lurcats und jenen, der von ihm inspirierten Künstler_Innen der 50er, 60er und noch 70er Jahre, überwiegend Absolventen der Burg. Im Vergleich mit unseren heutigen Arbeiten zeigen sich vorwiegend Unterschiede, weniger Gemeinsamkeiten. Themen, Motive und Formen sind andere – sowieso.

Techniken und Materialien vernachlässigend, besteht der wesentliche Unterschied im Verhältnis zwischen malerischer Vorlage bzw. malerischer Intention und textilem Werk. Lurcat hatte die sklavische Nachahmung der Malerei durch die Bildwirker verurteilt. Was ihm, auch begründet in ökonomischen Überlegungen, zu farbgrafischen, betont flächigen Lösungen mit einer stark reduzierten Palette führte. In unserer Ausstellung sind Beispiele zu sehen, welche das genaue Gegenteil repräsentieren. Auch die Jacquardgewebe zeigen Tendenzen malerischer Nuancierung, weicher Konturierung, feiner Abstufungen, Verwischungen und effektvoller Auflösungen. Fotografien scheinen besonders geeignetes Ausgangsmaterial für textile Bilder zu sein, die auf digital gesteuerten Jacquardstühlen, gewebt werden.

Die Nutzung moderner Jacquardtechnik für textile Umsetzungen künstlerischer Bildinhalte führte zu neuen Einsichten. Und im Vergleich mit der Bildwirkerei zu präzisierten Vorstellungen der spezifischen Qualitäten eines Gobelins. Der Gobelin wurde noch wertvoller und faszinierender und letztlich exotischer. Die Jacquard-Bilder waren der überzeugende Beweis dafür, dass sich das digitale Prinzip in der Textilkunst etabliert hatte. Stickerei, Bildwirkerei, auch Malerei und andere analogische Techniken hatten übermächtige digitale Konkurrenz bekommen. Zeitgleich zum sich abzeichnenden Totalsieg der Digitalität Mitte, Ende der 90er Jahre begannen meine Studenten mit orientalischen Kelims, Ikatweberei und Stickerei zu liebäugeln. Auch wenn diese Ansätze nicht in jedem Fall zu wirklichen Ergebnissen führten, verweisen sie doch auf ein Gegensteuern. Ich selbst hatte Mitte der 90er mimikriartige Nachahmungen meiner Kirschgummimalereien weben lassen: Ein wahres Übertragungsexperiment, welches die Weberin zur Höchstleistung anspornte. Lurcat hätte diese Versuche ganz sicher für sinnlos gehalten.

Die technischen Möglichkeiten der Bildwirkerei auszuloten, sei der Sinn dieser Caprichos, dachte ich damals. Das zukunftsbestimmende Umschalten vom analogen in den digitalen Modus war mir noch nicht in ganzer Konsequenz bewusst. Mein romantischer Blick auf eine schwindende mythische Welt, in welcher Alles mit Allem irgendeine Beziehung hat, versperrte mir die Sicht auf die Dinge. Und das Digitale und Diskrete erschien in der Totalen zu verwirrend. Heute verstehe ich die eigenen Versuche und die meiner Studenten von damals als erste Reaktion auf den digitalen Wandel. Als ein instinktives Gegensteuern durch den Versuch analoge Prinzipien im Textilen zu stützen: Es durfte nicht verschwinden, was so schön ist, was man so sehr liebte. In diese Zeit und diesen Kontext gehören auch die Neue Handarbeitsbewegung und das wiederkehrende allgemeine Interesse an Textiler Kunst.

Das gesteigerte Bedürfnis malerische Qualitäten in der Jacquardweberei zu realisieren wird an unserem monumentalen Gemeinschaftswerk „Luthers letzte Reise“ ablesbar. Es ist der Versuch, die in ihrem Ursprung binär – digital konnotierte Weberei mit der analogen Malerei zu verbinden. Dies war durch die Elektronik und die Ersetzung der Lochkarte durch digitale Daten nun möglich geworden. Während der Entwurfsphase und noch kurz vor Fertigstellung der Patrone wurde im Team immer wieder darüber diskutiert, wie malerische Werte ins Gewebe transponiert werden könnten. Am Ende steht für mich die Er-kenntnis, dass die digitale Jacquardweberei phantastische Bildwelten generiert und eine malerische Alternative im Spektrum gegebener technischer Möglichkeiten der Tapisserie darstellt. Und dass die Bildwirkerei als ein „Malen mit farbigen Fäden“ nicht ersetzbar ist. Mit ihren Wurzeln in der hellenistischen Spätantike trägt sie das Siegel europäischer Kunstgeschichte. Sie ist eine kongeniale europäische Kulturleistung und unterscheidet sich vom verwandten Kelim, wie anderen orientalischen und außer außereuropäischen Textilien, in Figuration und malerischen Merkmalen. Strukturell ist sie näher mit dem Mosaik als mit der Weberei verwandt.

Die ästhetische Bestimmung der Bildwirkerei erschöpft sich weder in der Materialisation von Zeit, noch in der Exklusivität einer fürstlichen oder königlichen Disziplin, der Haptik und Struktur der Oberfläche, der Mobilität einer Tapisserie oder der Eignung zur Wärmedämmung und Akustikverbesserung. Das Wesentliche an ihr ist, dass es kein Raster gibt, welches das Bild in Pixel, Ketthochgänge oder andere selbstähnliche kleinste Teile auflösbar macht. Der Schusseintrag ist relativ frei, schräggestellte Schüsse sind typisch. Mit Zählen kommt man hier nicht weit. Die Zahl ist Herrscherin der Digitalität, nicht des Analogen. Selbst die verwandten Kelims haben keine metrische Ordnung. Beinahe jede Form kann auf die Kette aufgetragen werden. Hier ist nichts in Schritte zerlegbar. Kein Teil ist ersetzbar, was die Restaurierung eines Goblins so kompliziert macht. Hier ist nichts digital. Jede Form ist mit jeder Form verbunden. Alles ist analogisch. Welches Motiv, welches Thema, welcher Gegenstand gezeigt wird, ist ab jetzt in der Bildwirkerei untergeordnet. Ein Gobelin ist ein Gobelin. Punkt. Ist er von besonderer künstlerischer Qualität, so ist seine Schönheit kaum zu ertragen. Waren Sie schon einmal in Angers? Selbst künstlerisch weniger gelungene Stücke haben noch ihren Reiz, ebenso beschädigte, zerschlissene Stücke. Fragmente sind unter Umständen wertvoll.

Was ich mit meinem Begeisterungsschwall und den völlig überzogenen, provokanten, vielleicht unhaltbaren, anfechtbaren Behauptungen sagen, ausdrücken und mitteilen möchte ist, dass die Bildwirkerei auf besondere Weise unsere Sinne und unseren Geist erreicht, die unsere Menschlichkeit ausmachen. Was mich und uns weiterhin umtreibt, weshalb wir nicht mehr von Materialgerechtheit, den Gesetzen der textilen Fläche und ähnlichen Glaubensätzen reden möchten, auch die „Sempersache“, unseren Begriff der „Gewebten Wand“, die „Zivilisations-Weberei-Connection“ und die „Bauhaus-Burghütte-Differenz“ sowie vieles Andere lasse ich hier weg. Wichtig war mir an dieser Stelle, etwas zum besseren Verständnis des Ausstellungstitels zu sagen.

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