DAS ZEITLICHE SEGNEN

Wenn ich das Zeitliche segne

Liebe, Tod und Teufel, Abschiedskultur und zeremonielle Textilien jenseits des Alltags

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor einigen Jahren trat Dr. Manfred Brümmer, der damalige kaufmännische Direktor des Krankenhauses St.Elisabeth und St. Barbara in halle (Saale) mit dem Anliegen an Prof. Ulrich Reimkasten heran, Abschiedstücher künstlerischer Qualität für die Stationen und den Abschiedsraum zu entwerfen und zu realisieren. Professor Reimkasten traf nach reichlich langer Zeit die Entscheidung, sich dieser Aufgabe gemeinsam mit seinen Studierenden und Mitarbeitern zu stellen. Und zwar mit dem Bewusstsein, dass dieses Thema polarisiert, weil es Grundwerte berührt und Fragen nach Tradition, Religion, Kultur und nicht zuletzt nach dem Selbstverständnis als Mensch aufwirft. Ehrlich gesagt, war das bereits zu Anfang der Grund für ziemlich weiche Knie, angesichts der zahlreichen Fettnäpfchen und Irrwege, die unseren Weg schmücken würden – wir wussten: das wird ein Hammer(schweres) Thema!

Die Arbeit begann mit einem Workshop unter dem Titel „Liebe, Tod und Teufel – Zeremonielle Textilien jenseits des Alltags“. Der thematische Rahmen war anfangs weiter gefasst und beabsichtigte die Entwicklung von künstlerischen Bildideen zu den vier rituell begangenen Festen anlässlich wichtiger Übergänge im Leben: Geburt (Erscheinen), Initiation (Einweihung), Heirat (nachhaltige Verbindung, Begründung der Familie) und Tod (Trennung).  Die Auseinandersetzung begann mit der Erforschung von Zeremonialtextilien verschiedener Kulturkreise. Untersucht wurden die damit verbundenen Bilder, Symbole, Objekte und Orte, sowie Handlungen, Gesten, Techniken und Ideen. Was ist ein Ritual, worin besteht der Unterschied zur Routine? Allein diese Fragen bieten Stoff für Diskurse, eröffnen das Feld zwischen Alltag und den als heilig herausgestellten Anlässen. Die Diskussion drehte sich weiterhin um Begriffe wie Gemeinschaft, Individuum, Religiöse Gesten, Humanität, Feste, Tradition. Was ist Wert? Und was hat es mit dem paradox anmutenden Teilen gemeinsamer Werte auf sich?

Für das Thema des Abschiednehmens fanden wir in Reinhard Feuersträter einen erfahrenen Mentor. Als Seelsorger des Krankenhauses gewährte er Einblicke in seine Arbeit und sensibilisierte uns für den Umgang mit dem Tod. Er führte uns behutsam durch die Stationen und den Abschiedsraum des Krankenhauses, gab der künstlerischen Arbeit im Workshop wichtige konkrete Impulse. Dafür an dieser Stelle herzlichen Dank! Im Ergebnis dessen stellten sich fast alle Studierenden dem Abschiedsthema – klar und entschieden – wie Künstler das eben tun sollten.

Der Mensch als Individuum endet, der Mensch als Art besteht fort. Vielleicht ist diese Erkenntnis vom Fortbestand der Ursprung jeglicher Kultur, in dem auf Konstanz und Stabilität verwiesen wird. Bei der gemeinsamen Vertiefung des Themas entstanden erste Ideenentwürfe, die auch die Schwere des Ringens um adäquate Bildinhalte zu Tage treten ließen. Vielleicht weniger konzeptionell, als vielmehr über das Vertrauen in die eigenen Gefühle, Moral- und Wertvorstellungen und eher im Sinne eines künstlerisch-intuitiven Ansatzes entwickelten sich die Entwürfe hin zu einer universal-verständlichen Formsprache und Ästhetik, die sich zunehmend von ideologisch motivierten Welt- und Wertevorstellungen befreiten. Religiös motivierte Symbole, Bilder und Ornamente traten zurück.

Der formulierte Anspruch auf Universalität lenkte unsere Bestrebungen hin zum allgemein Menschlichen und somit auf den einenden Aspekt in der Geste des Abschiednehmens.
Überraschend offenbarte sich der Tod nicht nur als unvermeidliches Ende, sondern auch als Neubeginn. Mit dem letzten Blick auf den Verstorbenen beginnt für den Angehörigen das Loslassen und damit ein durch den Verlust signifikant verändertes Leben in einer für ihn veränderten Welt. Das Abschiednehmen erfordert eine würdige und respektvolle Atmosphäre, die dem höchst emotionalen Moment der Trennung vom Körper und der bleibenden Erinnerung an den Verstorbenen eine positive Bedeutung verleiht – der Verstorbene wird, wenn man so will, verinnerlicht.

Den Umgang mit dem Tod, den endgültigen Verlust eines nahestehenden Menschen und die Endlichkeit des eigenen Daseins als wertvolle Erfahrung zu begreifen und sich in die Situation der Betroffenen einzufühlen, war für uns eine große Herausforderung und begleitete den gesamten Entwurfs- und Umsetzungsprozess. Das Verinnerlichen charakterisiert die Idee hinter den hier präsentierten Werken der Künstlerinnen. Diese findet sich in den Skizzen, Entwürfen, Webproben und Modellen, die den Vertretern des Krankenhauses präsentiert und von ihnen zur Realisierung ausgewählt wurden. Die Abschiedstücher übernehmen die Rolle eines Mediums – sie trennen körperlich, bedecken und verhüllen, mildern direkte Emotionen, stellen sich vor das Unaushaltbare, geben Halt!

Das Bedecken als Weg zum Verinnerlichen eint die Tücher nicht nur funktional, sondern auch darin, dass diese Funktion auch durch die Bildinhalte und ihre stoffliche Beschaffenheit selbst vermittelt wird. Insbesondere bei den Einzelstücken, die zur Verwendung im Abschiedsraum vorgesehen sind, wird die emotionale Kraft stark farbiger Flächen von weißen, hellen Schichten in das Reich durchschimmernder innerer Geborgenheit verlegt. Der bzw. das Verinnerlichte ist unsichtbar, aber dennoch spürbar und anwesend.

In diesem Bewahren von Erinnerungen sind sich die Künstler einig, lediglich die Akzentuierung differiert. Margarita Wenzel bewahrt Erinnerungen in Nischen – die noch richtig benannt werden wollen. Lena Mevenkamp bewahrt Erinnerungen hinter einer Membran, die gleichsam schützt, trennt und dennoch den Austausch ermöglicht. Hanna Müller-Kaempffer lässt in den großen Flächen ihrer Arbeiten die Farbe gleichsam reichhaltig in den Hintergrund treten und stellt den verstorbenen Kindern fürsorglich gestickte Vögel als behutsame Begleiter zur Seite.  Cornelia Buchheim realisierte das Tuch für die Stationen. Im Zentrum ihrer Arbeit „Lebensweg“ findet man eine Linie, in der sich scheinbar zwei Lebenswege begegnen. Als Grenze zwischen beiden trennt und vereint sie beide Wege gleichermaßen. Die Linie kann als Gleichnis für das Tuch als Medium in der Abschiedssituation verstanden werden.

In der Auseinandersetzung mit dem Tod stellte sich über die Erkenntnis der Universalität menschlicher Gefühle und Gesten, über das Einfühlen in die Abschiedssituation sowie über den Diskurs der Gruppe eine gemeinsame Haltung ein. Sie findet ihren sichtbaren Ausdruck in einem grundlegenden Akzent aller Arbeiten. Er lässt in der Abschiedssituation die Verinnerlichung als menschlichen Wesenszug der rituell begleiteten Trennung vom Verstorbenen erkennen und verankert diese thematisch im Kunstwerk. Diese Haltung eint im Kern die weiteren individuellen künstlerischen Positionen – alle Wege führten zur Verinnerlichung des Abschieds.
Die Abschiedstücher zeigen das Ergebnis eines Prozesses, der uns mit essentiellen Erfahrungen und ethischen Erkenntnissen konfrontierte und bereicherte. Wir danken den Initiatoren, Projektverantwortlichen und Mitwirkenden und freuen uns auf gemeinsame Gespräche in der Ausstellung im Foyer. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Halle (Saale), 10.05.2017

Bork Schaetz
Künstlerischer Mitarbeiter der Studienrichtung Malerei/Textile Künste an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

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